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20. Mai 2015 3 20 /05 /Mai /2015 15:24

Viele Ansätze, die Siri Hustvedt schon früher beschäftigt haben, werden wieder in ihrem neuen Roman behandelt: Kunst und Kultur, Psychologie und Philosophie, Identität und zwischenmenschliche Beziehungen. Die Geschichte von Harriet Burden hat sie zudem aber in eine ungewöhnliche Form gebracht.

Cover zu Die gleissende Welt von Siri Hustvedt’Die gleißende Welt’ beginnt mit einer Einführung. Allerdings nicht unbedingt in den Roman, sondern in die von I.V. Hess geschriebene Anthologie über Harriet Burden. Anstoß für diese Künstlerinnenbiografie war ein Brief an ein Kunstmagazin, in dem behauptet wurde, die Künstlerin hätte mit einem Gesamtprojekt namens ’Maskierungen’ ein großes Experiment gewagt. Versteckt hinter drei männlichen Strohmännern wollte sie damit „... nicht nur die frauenfeindliche Tendenz der Kunstwelt entlarven, sondern das komplexe Funktionieren der menschlichen Wahrnehmung sichtbar machen und zeigen, wie unbewusste Vorstellungen von Gender, Rasse und Berühmtheit Einfluss auf das Verständnis derer haben, die ein bestimmtes Kunstwerk betrachten.“

Allein diese Geschichte ist schon spannend, weil der große Plan scheinbar nicht aufgegangen ist. Jedenfalls nicht so, wie gedacht. Die erhoffte Anerkennung wird ihr nämlich zu Lebzeiten verwehrt. Licht ins Dunkel bringt erst die Jahre später erscheinende Künstlerinnenbiografie. Stück für Stück fügt sie sich aus Tagebucheinträgen, Interviews und anderen Quellen wie ein Puzzle zusammen, das einige Schattenseiten in sich birgt ...

Who’s that girl?

Das Faszinierende dabei ist, dass nie ganz klar ist, welche Schlüsse der/die Lesende selbst daraus ziehen kann. Ein Beispiel dafür ist das Aussehen von Harriet, das sich durch das Auge des Betrachters wandelt. Dem Kunstkritiker Oswald Case erscheint sie wie eine gigantische Comicfigur, ihr späterer Lebenspartner Bruno Kleinfeld sieht dagegen in ihr keine gewöhnliche Lady, sondern eine Puppe mit gehobenen Geschmack und vielen Ideen in ihrem Kopf.

Angereichert ist der Roman zudem mit unzähligen Querverweisen und Erläuterungen, die zum Teil selbst ausgedacht sind. Andererseits beziehen sie sich aber auch mal auf Philosophen wie Soren Kierkegaard, Gottlob Frege und Edmund Husserl oder die Autorin Margaret Cavendish, deren fantastischer Roman den Titel für eines von Burdens Werken und damit für die Anthologie geliefert hat. Es gibt zum Beispiel auch eine Fußnote, in der erklärt wird, wer Paul Virilio ist. Darin lässt Siri Hustvedt ihre Figur Harriet 'Harry' Burden (vielleicht sogar stellvertretend für sich selbst) diesen Kulturtheoretiker durch den Kakao ziehen: „Er ist die theoretische Inkarnation der Panik.“

In dem Brief, der im Grunde der Auslöser für die Biografie ist, nimmt sich Siri Hustvedt dagegen selbst auf die Schippe und gibt einen Kommentar ab zu dieser „... obskuren Schriftstellerin und Essayistin, deren Position Burden mit einem ’beweglichen Ziel’ vergleicht.“

Fazit: ’Die gleißende Welt’ ist ein Füllhorn an Ideen. Wer mag, kann das Ganze als bewegende Geschichte zwischen widerstreitenden Charakteren betrachten und mitfiebern, wie sich das Experiment entwickelt. Wer möchte, kann aber auch einen der unzähligen Fäden aufnehmen und viel tiefer in die Hintergründe zu Kunst und Kultur, Psychologie und Philosophie, Identität und zwischenmenschlichen Beziehungen einsteigen. Wer weiß, inwieweit dabei eigene Vorstellungen und scheinbare Wahrheiten hinterfragt werden. Spannend ist das jedenfalls allemal.

Roman seit 24. April 2015 erhältlich. Mehr Informationen und Leseprobe unter:
http://www.rowohlt.de/buch/Siri_Hustvedt_Die_gleissende_Welt.3094001.html

Das könnte dazu passen:
Jonas Winner – Das Gedankenexperiment
Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe
Diverse – The Big Bang Theory und die Philosophie

Siri Hustvedt live und in Farbe 2015: 31.05. Köln – Balloni Hallen (phil.Cologne) *** 02.06. Stuttgart – Hospitalhof *** 03.06. Hamburg – Schauspielhaus *** 04.06. Berlin – Babylon *** 08.06. Augsburg – Kleiner Goldener Saal *** 10.06. Zürich (CH) – Schauspielhaus

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