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24. März 2015 2 24 /03 /März /2015 21:33

Von der TV-Comedy-Reihe 'The Big Bang Theory' über die WG-Erlebnisse zweier Physiker und ihrer Freunde werden die meisten Menschen schon gehört haben.* Da macht es schon Sinn, die Popularität zu nutzen, um den Fans ein bisschen Philosophie näher zu bringen. Denn anhand der Beispiele, wie sich die Figuren verhalten, lässt sich auch Einiges über und für das eigene Leben lernen.

„Na schön, ich gebe zu, es gibt ein paar Dinge, bei denen Ihnen dieses Buch nicht weiterhelfen wird“, erklärt der Herausgeber Dean A. Kowalski gleich in der Einleitung. Als Associate Professor für Philosophie an der University of Wisconsin-Waukesha weiß er jedoch, was er versprechen kann: „... aber es wird Sie zum Lachen bringen. Und – nicht weniger wichtig – es wird Ihnen helfen, einigen der größten Fragen des Lebens auf die Spur zu kommen.“

Der Ansatz ist natürlich interessant, Wissen unterhaltsam zu vermitteln. Wer sonst wenig über Philosophie weiß, wird hier durch den Bezug zur TV-Serie an einige Fragestellungen spielerisch herangeführt. Der Berliner Autor Jonas Winner machte es bei 'Das Gedankenexperiment' auf ähnliche Weise. Allerdings nutzte er eine eher gruselige Geschichte, um die von Platon, Descartes und Wittgenstein aufgestellten Überlegungen zu erklären.

Auch bei 'The Big Bang Theory und die Philosophie' werden Platon und Wittgenstein herangezogen, um die Handlungen der TV-Figuren besser einordnen zu können. Dem hier zuletzt genannten Sprachphilosophen aus Österreich wird sogar ein ganzes Kapitel gewidmet, um besser verstehen zu können, wie Sprache funktioniert.**

Mixers of the Universe

Eine andere Frage ist zum Beispiel: Ist es verwerflich, über den theoretischen Physiker Sheldon Cooper zu lachen? Dabei kann nicht nur etwas über die philosophische Ebene gelernt werden, sondern es gibt auch eine kurze Analyse dazu, ob das etwas seltsame Verhalten dieses hoch intelligenten Mannes auf Autismus zurückzuführen ist. Des Weiteren werden unter anderem folgende Probleme behandelt: Gibt es verschiedene Arten von Freundschaft? Ist irgendjemand von Natur aus Böse? Und welchen Ratschlag hat Sherlock Holmes für jeden, der sich als menschlicher Lügendetektor versuchen will?***

Ähnlich handfest wird es, wenn die in der TV-Serie behandelten physikalischen Theorien näher erläutert werden. Was ist die Schleifenquantengravitation? Und beschreibt sie das Universum möglicherweise tatsächlich besser als die Stringtheorie? Wer es schafft, das so erworbene Wissen auch zu behalten, kann in nahezu allen Gesprächssituationen dann wie in diesem Dialog**** zwischen Sheldon und seiner Nachbarin aus der Folge 'Business im Wohnzimmer' reagieren, der wie viele weitere witzige Beispiel im Buch zitiert wird ...

Sheldon: „Ich habe fundierte Kenntnisse über das gesamte Universum und alles, was darin ist.“

Penny: „Wer ist Radiohead?“

Sheldon: „Ich habe bedeutende Grundkenntnisse über die wichtigen Dinge innerhalb unseres Universums.“

Fazit: 'The Big Bang Theory und die Philosophie' liefert eine Unmenge an Hintergrundwissen zu der beliebten Comedy-Serie, ohne dabei den Spaß dabei aus den Augen zu verlieren. Denn was der Klappentext verspricht, wird auch eingelöst: „Es gibt viele Bücher über Philosophie, doch nur diesem gelingt ein formvollendeter Bogenschlag zu Darth Vader, Mr. Spock, Wolverine, Superman, Green Lantern und 'World of Warcraft'. Bazinga!“

Buch seit 27. Februar 2015 im Handel erhältlich.

Mehr Infos unter: http://www.rowohlt.de/buch/The_Big_Bang_Theory_und_die_Philosophie.3130650.html

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Übersicht der hier vorgestellten Hörspiele mit Sherlock Holmes

 

* Immerhin soll sie laut dwdl.de 2014 die meistgesehene Serie der 14- bis 49-jährigen in Deutschland gewesen sein. Zudem gewann sie schon mehrere Auszeichnungen, darunter diverse Emmys und einen Golden Globe.

** Oder wie Sprache eben manchmal nicht völlig logisch angewandt wird, wenn Sheldon erst mit der Nase drauf gestoßen werden muss, dass etwas sarkastisch, ironisch oder bildhaft gemeint ist.

*** Die zitierte Antwort aus 'Der Fall Thor-Brücke' befindet sich auf S. 285 und lautet: „Wir müssen auf Folgerichtigkeit achten. Wo sie fehlt, dürfen wir eine Täuschung vermuten.“

**** Hier schließe ich mich einer Danksagung an, die des Öfteren im Buch erfolgt: „Ich danke dem Webmaster von http://bigbangtrans.wordpress.com für die Episodendialoge.“

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14. Februar 2015 6 14 /02 /Februar /2015 20:02

Liebe Liebenden, zum Valentinstag soll hier die Briefsammlung von Mascha Kaleko vorgestellt werden, die sie 1956 aus Berlin an ihren Mann schrieb. Dabei gewährt sie einen interessanten Blick auf die damalige Zeit. Und auch wenn es keine Liebesbriefe sind, die Liebe ist in den Zeilen zu spüren.

Cover zu Mascha KalekoGeboren 1907 in der polnischen Stadt Chrzanow, siedelte Mascha Kaleko mit ihrer Familie zu Beginn des ersten Weltkriegs nach Deutschland um. Ab 1918 lebte sie in Berlin und hatte dort zu Beginn der Dreißiger Jahre erste Erfolge als Dichterin. 1938 musste sie aber aufgrund ihres jüdischen Glaubens mit Mann und Kind nach Amerika fliehen.

Erst 1956 kehrte sie nach Deutschland zurück. 'Das lyrische Stenogrammheft' von ihr soll in einer Neuauflage erscheinen. Zurück in der alten Heimat trifft sie ihren Briefen zufolge, die sie an ihren Mann Chemjo Vinaver schickt, unter anderem „gräßliche Nazifressen, auch unter jungen Leuten“. Aber auch ein „mieser New Yorker Jude“ läuft ihr über den Weg und wirft sie aus seiner Pension. Genauso gibt es die Treffen mit netten Deutschen wie den Schriftstellerkollegen Erich Kästner und ihren Verleger Ernst Rowohlt.

In der illustrierten Chronik '100 Jahre Rowohlt' zum Verlagsjubiläum 2008 wurden ihr sechs Seiten gewidmet. Sie war aber auch erfolgreich. In mehreren Auflagen schaffte es das 'Stenogrammheft' auf „...die für Lyrikbände sensationelle Auflage von 100.000 Exemplaren“, heißt es dort.

Code of the Brief

Manchmal wirkt es da in den Briefen schon so, als ob ihr der Erfolg ein bisschen zu Kopf steigt. Aber wer will es ihr verdenken. Auch kommt es vor, dass sie ihren Chemjo ab und zu fast ein bisschen bevormundet. Aber an ihrer Liebe zu ihm gibt es keinen Zweifel, selbst wenn der Titel im ersten Moment etwas kritisch klingt.

Deshalb hat zum Titel dieses Bandes Gisela Zoch-Westphal, die das literarische Erbe Kalekos verwaltet, auch eine eigene Interpretation im Nachwort parat: „LDME? Liebst du mich eigentlich? Wer Briefe an den Ehemann mit dieser Frage abschließt, ist in tiefsten Herzen ganz sicher, geliebt zu werden. Und ich empfinde den Code LDME außerdem als rückhaltslose Liebeserklärung von Mascha an Chemjo.“

Da Mascha Kaleko nun aber nicht für ihre Briefe, sondern ihre Gedichte bekannt geworden ist, folgt hier eines, dass dem Buch vorangestellt ist: „Ich und Du wir waren ein Paar/ Jeder ein seliger Singular/ Liebten einander als Ich und als Du/ Jeglicher Morgen ein Rendezvous/ ...“

Fazit: Die Briefstellen in diesem Band sind der vierbändigen kommentierten Gesamtausgabe 'Sämtliche Werke und Briefe', herausgegeben von Jutta Rosenkranz, entnommen, die 2012 im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen ist. Aber auch wenn es demnach nichts Neues zu erfahren gibt, ist es doch schön anzusehen, wie das Ganze noch einmal liebevoll umgesetzt wurde.

Buch seit 1. Januar 2015 erhältlich.

Mehr Informationen unter: http://www.dtv.de/buecher/liebst_du_mich_eigentlich_28039.html

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19. Januar 2015 1 19 /01 /Januar /2015 19:08

Jonas Winner ist promovierter Philosoph. Außerdem ist er ein Thriller-Autor, der mit 'Berlin Gothic' einen (gar nicht mal so) kleinen Hit landen konnte. Was liegt also näher, als bei seinem neuen Roman philosophische Fragen anhand eines eher gruseligen Settings zu behandeln?

Cover zu Das Gedankenexperiment von jonas Winner„Mir ist durchaus bewusst, dass Ihre Laufbahn an diesem Institut mit unserer Ablehnung beendet ist. Und dass Sie erhebliche Schwierigkeiten haben werden, an einer anderen Stelle unterzukommen“, lautet die niederschmetternde Einschätzung, die der junge Philosophen Karl Borchert auf seinen Forschungsantrag erhält.

Da kommt das Angebot Leonard Habichs wie gerufen. Um seine Forschungen im Gebiet Sprachtheorie und angrenzenden Disziplinen voranzutreiben, sucht er einen Assistenten, der seine Aufzeichnungen durchgeht und Wichtiges von Unwichtigem trennt.

Spontan entscheidet Karl Borchert, dass eine Auszeit irgendwo im Nirgendwo der Ostprignitz vielleicht gar keine so schlechte Idee ist. Der Weg dorthin gestaltet sich allerdings schon fast wie einem klassischen Gruselroman: Die Dorfbewohner scheinen ihn fast schon warnen zu wollen, weiterzufahren. Die holprige Straße zum Haus Urquardt führt durch eine Art steinernes Portal und das Hauptgebäude selbst hat mit seinem neogotischen Turm samt Zinnen hat einen kastellartigen, beinahe schroffen Charakter.

Der Untergang des Hauses Urquardt

Seltsame Geräusche, geheime Gänge, ein unheimlich aussehender Haushälter und die Entdeckung eines Isolationsraums tun ihr Übriges, um gruselige Stimmung aufkommen zu lassen. Rätsel gibt ihm auch Lara auf, die mindestens 30 Jahre jüngere Frau des Hausherren.

Geheimnisvoll ist zudem eine Zeichnung der 'Melencolia I' von Albrecht Dürer, die durch unzählige Wörter, Sätze und Textblöcke an einer Wand reproduziert wurde (eine Abbildung des Bildes ist übrigens im Buch enthalten). Drei Fragen sind dort in der Teufelsfratze gebündelt: „Woher weiß ich, dass ich nicht nur Schatten der Wirklichkeit sehe? Woher, dass der Dämon mich nicht täuscht? Woher, dass der Pfeil -> nicht 'Geh nach links' bedeutet?“

Bezug nehmen diese drei Fragen auf Gedankenexperimente Platons, Descartes' und Wittgensteins, nämlich auf das 'Höhlengleichnis', den bösen Dämon 'Genius malignus' und die so genannte 'Privatsprache'. Diese als Dreischritt betrachtet, ist nun die Frage, ob und wie ein vierter Schritt erreicht werden könnte – koste es, was es wolle.

Fazit: Aus realen, philosophischen Betrachtungen und einer gehörigen Portion Spannung strickt der Berliner Autor Jonas Winner ein Werk, das wie eine düstere Variante zu 'Sophies Welt' anmutet. Stilistisch greift er dabei auf die interessante Idee zurück, die Ereignisse auch rückblickend durch polizeiliche Untersuchungsberichte oder später veröffentlichte Schriften zu betrachten. Am Ende bleibt es aber dem Leser überlassen, ob er eine höhere Botschaft oder einfach eine aufregende Geschichte in 'Das Gedankenexperiment' entdeckt.

Roman seit 2. April 2014 im Handel erhältlich.

Mehr Informationen unter: http://www.droemer-knaur.de/buch/7925070/das-gedankenexperiment

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7. Oktober 2014 2 07 /10 /Oktober /2014 22:52

Bei der neuen Veröffentlichung von Autor Max Goldt handelt es sich im Grunde um eine alte. 'Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken' ist nämlich eine Zusammenstellung einiger Büchlein, die bisher allerdings nur in stark limitierten Auflagen von gerade mal 600 bis 3000 Exemplaren erhältlich waren.


cover-goldt-jeansroecken.jpgDa ist es natürlich eine feine Sache, dass diese liebevolle 'Fotokopie (»Faksimile«) vierer typografischer Sammlerstücke' angefertigt wurde. Gestaltet wurden die Originale von Martin Z. Schröder, der nun auch diese gemeinsame Ausgabe inszeniert hat.

Zum Geleit erklärt er in seinem Vorwort 'Komischer Bleisatz' unter anderem, was die Zusammenarbeit von anderen Veröffentlichungen unterscheidet (ein Tipp, es ist nicht die Verwendung der alten Rechtschreibung mit 'ß'): „Interpretation war nie eine typografische Aufgabe. Neu an unseren Büchern aber ist nicht nur, daß der Autor dem Typografen die Auslegung seiner Texte überläßt. Es gibt außer den Versuchen im Dadaismus auch selten Komik mit typografischen Mitteln; das bekannteste Beispiel deutscher Sprache ist sicherlich »Fisches Nachtgesang« von Christian Morgenstern, das allerdings abgesehen vom Titel ohne Buchstaben auskommt [...].“

Ein weiterer wichtiger Hinweis ist derjenige, dass Max Goldt extra für die typografische Interpretation durch Martin Z. Schröder Texte verfasst hat. Wobei einige dann doch auch an anderer Stelle erschienen sind, wie die im Untertitel als 'A minor story of major horror' beschriebene Geschichte 'Die Elfjährige, die in der Achterbahn ein Kind ohne Knochen gebar'. Sie ist genauso wie die Sexualgroteske 'Penisg'schichterln aus dem Hotel Mama' in der Textsammlung 'Die Chefin verzichtet' zu finden.

Eine Spirale der Gestalt

Wie die Stories allerdings durch das Setzen der Schrift inszeniert werden, ist aber schon was Besonderes und gibt ihnen teilweise neue Interpretationsmöglichkeiten. Wer kennt das nicht: GROSSSCHREIBEN wird zum Beispiel oft als Schreien empfunden. Die auf einer Seite gestellte, titelgebende Frage („Was halten wir eigentlich von Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken?????“) kann durch ein paar kleine Satzzeichen ganz anders klingen: „Was halten wir eigentlich von 'Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken'?“ Also mir gefällt's!

Hier und da kommt auch schon mal das Offensichtliche durch, wenn ein Text über gefüllte Tomaten rot gesetzt wird. Seine rechteckige Anordnung wird dafür schön kontrastiert mit dem dazu hinführenden, rund und eher bräunlich angelegten 'Gespräch über Hummeln' auf der gegenüberliegenden Seite. Eine schöne Komposition, das.

Als kleinen Bonus gegenüber den Originalveröffentlichungen gibt es zum Teil auch noch Kommentare dazu am Rand. So soll Max Goldt verboten haben, dass jemals wieder ein Satz spiralförmig gesetzt wird. Zur Begründung heißt es: „Ihm werde davon übel.“

Okay, wenn das die einzige Kritik ist, kann das Buch durchaus empfohlen werden.

Fazit:

        O,
       ES
       IST
    DOCH
   RECHT
   LUSTIG,
  WÖRTER
 GRAFISCH
ANZULEGEN
         !!!
         !!!

Buch seit 26. September 2014 im Handel erhältlich.

Mehr Informationen unter: http://www.rowohlt.de/autor/Max_Goldt.7041.html

Das könnte dazu passen:
Max Goldt – Bericht zur Lesung vom 27. März 2014
Christian Morgenstern – Alle Galgenlieder

Max Goldt live und in Farbe im Oktober 2014: 08.10. Ulm – Roxy *** 09.10. Reutlingen – Franz.K *** 10.10. Krumbach – Stadtsaal *** 11.10. Schorndorf – Manufaktur *** 14.10. Osnabrück – Lagerhalle *** 15.10. Göttingen – Aula der Alten Universität (Göttinger Literaturherbst) > Weitere Termine bis April 2015 hier: http://www.tomprodukt.de/tourplan/aktuell/max-goldt#max-goldt

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14. September 2014 7 14 /09 /September /2014 21:57

Anfang September eroberte 'Die Frau auf der Treppe' von Bernhard Schlink die Top-Position auf der Bestseller-Liste 'Belletristik' des Nachrichtenmagazins 'Der Spiegel'. Ein paar Tage danach stellte der Autor in einer Lesung und im Gespräch mit Thea Dorn den Roman im Berliner Ensemble vor.

bernhard-schlink-liest-die-frau-auf-der-treppe.JPGDer im Barockstil ausgeschmückte Saal des denkmalgeschützten Gebäudes bot natürlich einen schönen Rahmen für diese Buchpremiere. Schriftstellerin Thea Dorn bemerkte in Bezug auf 'Die Frau auf der Treppe' nämlich unter anderem, dass der Roman die barocke Idee der Vanitas, also der Vorstellung des Vergänglichen, für die heutige Zeit ungewöhnlich genau beschreibt. Schließlich werden Krankheit und Tod oftmals lieber ausgeblendet.

Ebenso erinnerte die ehemalige Moderatorin der SWR-Sendung 'Lesenswert' (vormals 'Literatur im Foyer') in ihren Überlegungen an Mozarts 'Zauberflöte'. In Bezug auf die Hauptfigur meinte sie, dass diese sich wie der junge Prinz Tamino durch ein Bild in die Angebetete verliebt. Der Vergleich ist durchaus denkbar.

Hätte Schlink eine Oper geschrieben, hätte er dem Ich-Erzähler auch folgende Worte in den Mund legen können: „Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je geseh’n!/ Ich fühl’ es, wie dies Götterbild mein Herz mit neuer Regung füllt./ Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen! Doch fühl’ ich hier wie Feuer brennen./ Soll die Empfindung Liebe sein? Ja, ja! die Liebe ist’s allein.“

Im Gespräch erzählte Bernhard Schlink, wie er drauf kam, seine Geschichte in Australien spielen zu lassen. Als er vor Jahren in Sydney unterrichtete, sah er in einer Ausstellung 'Ema. Akt auf einer Treppe' von Gerhard Richter. Trotzdem ging es ihm bei 'Die Frau auf der Treppe' nie um das Bild an sich, sondern viel mehr darum, wie seine Figuren miteinander agieren und ihr bisheriges Leben reflektieren. Ein „Coming to age“-Roman, sozusagen.

Fazit: Die Lesung und das Interview bei dieser Buchpremiere haben ihr Ziel erreicht. Sie haben gezeigt, dass 'Die Frau auf der Treppe' nicht nur kurzweilige Unterhaltung bietet. Wer will, kann hier und da auch herrlich ins Interpretieren kommen.

Das könnte dazu passen:
Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe (Buch-Kritik)
George Büchner – Woyzeck (Hörspiel)
Max Goldt – Bericht zur Lesung (27.03.2014 in Potsdam)

Der Rest-September im Berliner Ensemble live und in Farbe 2014:
17.9. 'Deins & Done' von Meret Becker & Buddy Sacher *** 18./20./21.9. 'Quartett' von Heiner Müller *** 19./23./27.9. 'Woyzeck' von George Büchner *** 21.9. 'Warten auf der Gegenschräge' von Heiner Müller *** 22.9. 'Der Babylon-Blues' von George Tabori *** 24.9. 'Kafka. Die frühen Jahre' von Reiner Stach *** 25./26.9. 'Das letzte Band' von Samuel Beckett *** 28.9. 'Untergang des Egoisten Johann Fatzer' von Berthold Brecht *** 29.9. 'Andorra' von Max Frisch *** 30.9. 'Kafkas Prozeß' von Jutta Ferbers (Textfassung)

Mehr Infos unter: http://www.berliner-ensemble.de

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2. September 2014 2 02 /09 /September /2014 22:38

Mit 'Der Vorleser' gelang Bernhard Schlink, geboren bei Bielefeld, inzwischen wohnhaft in Berlin und New York, ein internationaler Bestseller. Später wurde der Roman sogar mit Kate Winslet und Ralph Fiennes verfilmt. Ob ihm das auch mit 'Die Frau auf der Treppe' gelingt, bleibt abzuwarten. Ein unterhaltsames Stück Literatur ist ihm damit allemal geglückt.

cover-bernhard-schlink-die-frau-auf-der-treppe.jpg'Die Frau auf der Treppe' ist Irene. Der Ich-Erzähler begegnet ihr Ende der Sechziger Jahre in Frankfurt am Main als junger Rechtsanwalt. Zwischen dem Maler Karl Schwind und dem Auftraggeber Peter Gundlach ist ein erbitterter Streit darum entbrannt, wem das Akt-Bild gehört. Beziehungsweise die porträtierte Frau, denn die ist quasi mit dem Künstler durchgebrannt.

Recht ritterlich versucht der Jurist, Irene aus dieser Situation zu befreien, in dem sie gemeinsam das Bild klauen – doch kaum ist das geglückt, verschwindet auch die Angebetete auf Nimmerwiedersehen. Als der Sitzengelassene gut 40 Jahre später zufällig in Australien das Corpus Delicti in einer Galerie wieder entdeckt, macht er sich auf die Suche nach Irene. Dabei wird er nicht nur mit (s)einer wenig ruhmreichen Vergangenheit konfrontiert. Es wird viel mehr alles auf den Kopf gestellt, was er bisher zu glauben dachte...

Ceci n'est pas un Richter

Wer übrigens bei dem Gemälde an 'Ema. Akt auf einer Treppe' von Gerhard Richter denkt, liegt nicht ganz falsch. Am Ende des Buchs erklärt Schlink, dass er seit Jahren eine Postkarte mit dem Motiv auf dem Schreibtisch stehen hat. Vielleicht mag daher so mancher Leser denken, dass die Geschichte irgendeinen direkten Bezug dazu haben könnte. Da dem nicht so ist, stellt Schlink deshalb sicherheitshalber in einer abschließenden Anmerkung klar, dass Schwind erfunden ist. Erschwindelt, sozusagen.

Wie Richters Bild soll sich aber auch das fiktive Werk Schwinds auf 'Akt, eine Treppe herabsteigend' von Marcel Duchamp beziehen, wie Irene erklärt: „Duchamps Bild galt als das Ende der Malerei, und Schwind wollte beweisen, dass eine nackte Frau, die Treppe herabsteigend, nach wie vor gemalt werden kann.

Das Bildnis der Irene Adler

Vielleicht ist es das, was 'Die Frau auf der Treppe' so interessant macht. Viele kleine Versatzstücke, die beim Lesen immer neue Assoziationsketten auslösen können. So nennt sich die Flüchtige später Irene Adler – eine Name, den sich Arthur Conan Doyle einst für Sherlock Holmes' faszinierende Gegenspielerin in 'Ein Skandal in Böhmen' ausdachte. Und wie in 'Das Bildnis des Dorian Gray' erleidet das Porträt an ihrer Stelle Verletzungen – bloß weniger schauerlich-fantastisch, sondern eher im übertragenden Sinne.

Für die Umschlagillustration hat sich der Diogenes Verlag hingegen für 'Les Pins, Effet de Soleil, St. Tropez' von Francis Picabia entschieden. Vielleicht ging es nicht anders. Aber vielleicht ist es auch ein weiteres Puzzle-Teilchen für diejenigen, die mehr in 'Die Frau auf der Treppe' entdecken wollen, als die nackte Oberfläche verrät.

Fazit: Vieles wird bei 'Die Frau auf der Treppe' nur angedeutet, Einiges wirkt konstruiert. Trotzdem – oder gerade damit – gelingt es Bernhard Schlink, den Leser mit seiner unterhaltsamen, kurzweiligen Geschichte zu fesseln. Am Ende muss sich aber jede sein eigenes Bild davon machen. Und ob es gefällt, bleibt Ansichtssache. Denn: „Kunst“, so beschrieb es einst der Maler Paul Klee, „gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“

Roman seit 27. August 2014 im Handel erhältlich.

Mehr Informationen unter: http://diogenes.ch/leser/autoren/a-z/s/schlink_bernhard/

Das könnte dazu passen:
Christian Morgenstern – Alle Galgenlieder
Wiederveröffentlichungen diverser Buchkritiken zum Welttag des Buches
Sherlock Holmes – Ein Skandal in Böhmen (Hörspiel)

Bernhard Schlink live und in Farbe...

September 2014: 11.09. Berlin – Berliner Ensemble (Buchpremiere, Moderation: Thea Dorn) *** 13.09. Bremen – Radio Bremen Weserhaus (Live-Lesung aus dem Roman 'Sommergäste' mit Publikum, Moderation: Ulrike Petzold) *** 18.09. München – Literaturhaus München (Moderation: Felicitas von Lovenberg ) *** 19.09. Hamburg – Laeiszhalle (Kleiner Saal, Lesung im Rahmen des Literaturfestivals 'Harbour Front 2014', Moderation: Tilman Krause) *** 20.09. Zürich (CH) – Schauspielhaus Zürich (Moderation: Res Strehle)

Oktober 2014: 06.10. Wolfenbüttel – Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel e.V. *** 09.10. Heidelberg – Deutsch-Amerikanisches Institut (Moderation: Jakob J. Köllhofer)

November 2014: 14.11. Wien – Akademie der bildenden Künste (Aula, Lesung im Rahmen der 'Wiener Lesefestwoche 2014', Moderation: Renata Schmidtkunz) *** 15.11. Wien – Wien (Messe Wien, Halle D, ORF-Bühne, Lesung und Gespräch im Rahmen der 'Buch Wien 2014', Moderation: Katja Gasser) *** 17.11. Stuttgart – Literaturhaus Stuttgart (Lesung in der Reihe 'Autor im Gespräch', Moderation: Wolfgang Niess) *** 18.11. Düsseldorf – Düsseldorfer Schauspielhaus *** 2011. Frankfurt/Main – Literaturhaus Frankfurt (Moderation: Cécile Schortmann) *** 23.11. Leipzig – Stadtbibliothek (Lesung und Gespräch in der Reihe MDR-Lesecafé, Moderation: Michael Hametner)

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22. Juni 2014 7 22 /06 /Juni /2014 19:08

Nachdem ihr letzter (Liebes-)Roman 'Der Himmel über der Heide' in der Lüneburger Heide spielte, schickt Autorin Sofie Cramer ihre neue Protagonistin bei 'All deine Zeilen' von Hamburg nach Norddorf auf Amrum – und damit auf eine schicksalhafte Reise in die Vergangenheit.

cover-cramer-zeilen.jpgEs hätte doch alles wirklich so schön sein können, aber dann stirbt völlig überraschend Maries 86-jährige Oma Anneliese nur einen Tag vor ihrer Verlobungsfeier an einem Herzstillstand. Max, der „Mann ihrer Träume“, steht ihr in dieser schweren Zeit zwar zur Seite, geht dabei aber auch schon mal recht unsensibel vor, wenn er unter anderem Folgendes bemerkt: „Ich weiß, du hast sehr an ihr gehangen. Aber wenn man dich so sieht, könnte man meinen, es ist das Schlimmste, was passieren kann, dass eine 90-jährige stirbt.“

Aus ihrer Trauer hilft Marie dann allerdings eine überraschende Entdeckung. In der Brieftasche ihrer Oma findet sie ein Foto von ihr in jungen Jahren mit einem Mann. Auf der Rückseite befindet sich ein Schriftzug, der sie irritiert: „In Liebe, P.“

Reif für die Insel

Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei tatsächlich nicht um ihren Opa. Denn später findet Marie auch noch rund fünfzig Briefe von einem Paul Hansen aus Amrum. Der erste Brief stammt aus dem Jahr 1946. Kann Anneliese jahrzehntelang Kontakt mit einer Jugendliebe gehalten haben, von der sie niemanden jemals etwas verraten hat?

Marie möchte mehr erfahren und schreibt dem Mann auf gut Glück. Tatsächlich erhält sie auch bald eine eher abwimmelnde Antwort. Doch neugierig bleibt sie am Ball und wird dafür schließlich mit weiteren Schreiben belohnt, deren Zeilen sie tief berühren. Endlich fühlt sie sich verstanden, aber statt Klarheit werfen die Briefe auch neue Fragen auf. Also beschließt Marie, hinter das Geheimnis des Briefeschreibers zu gelangen...

Liebe(s)Rezepte

Die Zutaten ihres neuen Romans sind ähnlich gewählt wie zu ihrem vorherigen, wobei Sofie Cramer diese geschickt neu zubereitet hat: ein schwerer Schicksalsschlag, Stress mit der Arbeit und dem Freund, eine idyllische Umgebung, Zeit für eine Neuorientierung und als Bonus am Ende des Romans eine passende Rezepte-Sammlung – in diesem Fall zum Beispiel für Aprikosentorte mit Muscheldekor oder Ostfriesentorte.

Auch was Sofie Cramer schon auf ihrer Autorin-Seite bei Rowohlt beziehungsweise auf Youtube in einem Video über die „Heldin“ Kati bei 'Der Himmel über der Heide' gesagt hat, gilt auch hier: „Natürlich ist das Ganze auch eine Liebesgeschichte, aber vordergründig geht es darum, wie Kati Marie zu sich selber findet.“

Sofie Cramer kann aber auch schon mal recht bissig werden, wenn sie zum Beispiel Folgendes schreibt: „Lieber würde er für den Rest seines Lebens auf die Gegenwart einer Frau verzichten, als sich seine neugierige Nachbarin ans Bein zu binden, die zu viel Hintern, dafür aber zu wenig Herz und Hirn hatte.“

Fazit: 'All deine Zeilen' ist glücklicherweise genau wie der Vorgänger 'Der Himmel über der Heide' weniger kitschig als viel mehr herzlich. Als durchaus gelungenes Stilmittel kommt diesmal hinzu, dass die Perspektive immer wieder zwischen zwei Seiten wechselt – nämlich der von Marie und ihrem „Brieffreund“. So liefert der Roman auf über 370 Seiten ein paar kurzweilige, unterhaltsame Stunden.

Buch seit 1. April 2014 im Handel erhältlich.

Mehr Informationen unter: http://www.rowohlt.de/autor/Sofie_Cramer.2727152.html

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11. Juni 2014 3 11 /06 /Juni /2014 17:02

Im Rahmen einer Sonderaktion vom ’Greifenklauen-Forenlesezirkel’ erhielt Popshot-Gastautor Gekko das Taschenbuch ’Magier des Dunklen Pfades I – Die Suche’ zur Rezension. Das Buch schildert die Bemühungen des begabten Magiers Lorgyn de Daskula, seine todkranke Frau vor dem drohenden Hinscheiden zu retten. Dabei bedient er sich seit langem verbotener Methoden, die ihn selbst in eine moralische Krise werfen.

cover-hohmann.jpgDer Stil des Autors Peter Hohmann ist sehr angenehm zu lesen. Hohmann formuliert in ’Die Suche’ treffsicher und nie reißerisch. Es entsteht ein stetiger Lesefluss, der einen die Szenen buchstäblich vor Augen führt. Erzählt wird die Geschichte aus dem Blickwinkel einzelner Charaktere, die alle ihre eigenen Probleme mit sich herumtragen.

Die Geschichte konzentriert sich daher auch stark auf einzelne Charaktere. Angesiedelt in einem Low-Fantasy-Setting bleiben auch epische Kämpfe und hinterhältige Intrigen außen vor. Neben Lorgyn werden noch der Gastwirt Gerom, der zum Wohl seines Heimatdorfes fragwürdigen Beschäftigungen nachgeht, der Chronist Arlo, der das Werk seines kürzlich verstorbenen Meisters vollenden möchte, und Lorgyns Freund und Weggefährte Pergin näher beleuchtet. Bedeutende Nebencharaktere sind Geroms Tochter Laris, Lorgyns Frau Aluna, der humorlose Kleriker Genthate und die trinkfreudige Heilerin Duria.

Obwohl die Geschichte nur wenige dramatische Szenen enthält – das höchste der Gefühle ist der Einbruch in ein Gotteshaus, um ein Tagebuch zu stehlen – bleibt die Geschichte von Beginn an spannend. Man möchte einfach erfahren, wie es mit den handelnden Personen weitergeht.

Aufbruch in eine neue Welt

Die Beschreibungen der Orte sind ebenfalls sehr gelungen. Als Leser fällt es einem leicht, sich dort hineinzuversetzen. Die Welt selber erschließt sich hingegen nur sehr langsam und unvollständig, was aber ebenfalls das Interesse hoch hält.

Mit welchem Fantasyklassiker könnte man das Buch auf eine Stufe stellen? Ich würde sagen mit Fritz Leibers Geschichten um Fafhrd und den grauen Mausling. Vielleicht etwas zu große Fußstapfen für ein „Erstlingswerk“, aber aus meiner Sicht durchaus gerechtfertigt.

Es gibt nur wenige Dinge, die mich stören. Zunächst das Umschlagbild, das mit der Geschichte nichts zu tun hat und auch nicht deren Flair einfängt. Mal abgesehen davon, dass es mich auch so nicht besonders anspricht. Aber: Don‘t judge a book by its cover.

Etwas seltsam steht auch das Ende da. Als Zweiteiler ausgelegt endet die Geschichte in der Mitte. Punkt. Keine aufgelösten Handlungsstränge, kein Cliffhanger, einfach nur Schluss. Das Buch kann nicht für sich alleine stehen.

Ehrlich gesagt, habe ich den zweiten Teil bisher nicht gelesen, werde aber wohl nicht daran vorbeikommen. Aus meiner Sicht kann ich aber bereits jetzt sagen, dass es die bessere Wahl gewesen wäre, beide Teile in einen Buch zu vereinen. So sind 26 EUR für die 600 Seiten der beiden Teile zusammen als Paperback schon ziemlich happig. Aber dafür kann der Autor vermutlich wenig und ich verstehe auch, dass kleinere Verlage ihre Kosten decken müssen.

Fazit: ’Magier des Dunklen Pfades 1: Die Suche’ ist ein tolles Buch, das man jedem, der auch nur ein bisschen mit fantastischer Literatur am Hut hat, vorbehaltlos empfehlen kann.

Mehr Informationen unter: http://www.peterhohmann.net/

P.S.: Aktuell gibt es die Steampunk-Anthologie ’Voll Dampf – Fiktionale Steamgeschichten’ mit einer Geschichte von Peter Hohmann zum Subskriptionspreis: http://amrun-markt.de/produkt/voll-dampf-fiktionale-steamgeschichten/

Buch seit 2. September 2013 erhältlich.

Das könnte dazu passen:
Bernhard Hennen – Die Elfen (Hörspielserie)

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2. Mai 2014 5 02 /05 /Mai /2014 10:47

Noch bis zum 4. Mai findet das 135. Baumblütenfest in Werder an der Havel statt. Was die meisten Besucher vermutlich nicht wissen, ist die Tatsache, dass es dort seit Kurzem das neue Christian Morgenstern Museum auf dem so genannten „Galgenberg“ gibt. Hier schrieb der Dichter viele seiner Werke. Passend zum 100. Todestag am 31. März 2014 veröffentlichte der Diogenes Verlag daher auch 'Alle Galgenlieder' in neuer Auflage.

cover-galgenlieder.jpgDer Wiege seines Schaffens setze er ein Denkmal mit einem Gedicht namens 'Galgenberg', das den Antrieb seinerseits und einiger befreundeter „Galgenbrüder“ beschreibt:

„Blödem Volke unverständlich
treiben wir des Lebens Spiel.
Gerade das, was unabwendlich
fruchtet unserm Spott als Ziel.

Magst es Kinder-Rache nennen
an des Daseins tiefem Ernst;
wirst das Leben besser kennen,
wenn du uns verstehen lernst.“

Ihn zu verstehen ist dabei übrigens gar nicht immer so einfach, wenn er zum Beispiel Fabelwesen wie 'Das Nasobem' samt unbekanntem Namen erfindet oder für die 'Lieb ohne Worte' ebensolche wie „sei Meinstlein“ schafft, die es zuvor nicht gab. So verschreibt er sich auch ganz gerne mal dem Nietzsche-Zitat, das der Sammlung vorangestellt ist: „Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen.“

Dank sein'm Genie... gingganz er nie

Dass diese „Spielereien“ durchaus von Wert sind, beweisen aber ebenfalls enthaltene Beispiele wie das Figurengedicht 'Zwei Trichter', das seinen textlichen Inhalt in der schriftlichen Form aufgreift, oder 'Der Werwolf' mit seinem Wunsch nach Deklination und somit nach „Weswolfs“, „Wemwolf“ und „Wenwolf“.

Dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“ aus dem Gedicht 'Die unmögliche Tatsache' wurde sogar zum geflügelten Wort, also einer Redewendung, deren Autor eindeutig zuordenbar ist. Enthalten war das Gedicht ursprünglich im Band 'Palmström', das nach der von Morgenstern erfundenen Figur benannt war.

Nun ist es wie die zwei weiteren Bänder 'Paula Kunkel' und 'Der Gingganz' ein Teil von 'Alle Galgenlieder', mit denen sich der Dichter selbst ein großartiges Denkmal gesetzt hat. Wobei er einst eine andere Idee dafür hatte, wie die ersten Zeilen bei seinem 'Denkmalswunsch' zeigen:

„Setze mir ein Denkmal, cher,
ganz aus Zucker, tief im Meer.
Ein Süßwassersee, zwar kurz,
werd ich dann nach meinem Sturz;
doch so lang, daß Fische, hundert,
nehmen einen Schluck verwundert.“

Fazit: Auch hundert Jahre nach seinem recht frühen Tod im Alter von 42 Jahren erfreut Christian Morgenstern mit seinen gewitzten Texten die Leser. 'Alle Galgenlieder' bietet dabei einen kompakten Einstieg in seine Gedankenwelt, die es auch heute noch zu entdecken lohnt.

Buch seit März 2014 im Handel erhältlich.

Mehr Infos unter: http://diogenes.ch/leser/autoren/a-z/m/morgenstern_christian/biographie

Das könnte dazu passen:
Morgenstern – 01: Leben und Sterben
SpongeBob Schwammkopf – Mein Gedudel
Various – Es war einmal (Hörbuch mit u.a. Olli Schulz)
Leander Haußmann & Sven Regener – Hai-Alarm am Müggelsee

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22. April 2014 2 22 /04 /April /2014 06:34

Am 23. April 2014 ist es wieder soweit: Der Welttag des Buches erinnert an dieses wertvolle Kulturgut! Die Unesco, also die ’United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization’, hat diesen internationalen Gedenktag eingerichtet, um die Kraft des geschriebenen Wortes zu feiern.

Und wie sich zeigt, überdauert so manches Buch mehr Zeit als ein online veröffentlichter Text. Denn viele meiner bisherigen Buchkritiken sind leider längst mit den dazugehörigen Webseiten gelöscht worden, so dass ich sie hier gerne noch einmal wiederveröffentliche. Viel Spaß beim Lesen!

NFB (Herausgeber) – Nachhaltigkeit in 50 Sekunden

Cover zu NFBÜber anderthalb Jahre hat sich das Studienprojekt 'Nachhaltiger Filmblick' (NFB) unter der Leitung von Irmela Bittencourt, Joachim Borner und Albert Heiser mit einer modernen Form der „Kommunikation für die Zukunft“ auseinander gesetzt: Videoclips für Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Herausgekommen sind dabei acht Spots, die zeigen, wie knackig „Nachhaltigkeit in 50 Sekunden“ präsentiert werden kann. Die beim Projekt gesammelten Erfahrungen haben die StudentInnen nun in diesem fast 200 Seiten langen Buch zusammengetragen, um über ihre Erkenntnisse zu berichten und andere Menschen zum Nachmachen zu animieren.

Der Input ist dabei übrigens enorm: Eine BILD-Zeitung ist zwar viermal so groß, hat aber nur etwa doppelt soviel Text pro Seite. Trotzdem wird das Buch nicht zur Textwüste, sondern erklärt anhand von Szenenfotos, Drehbüchern und Grafiken, wie die Filme entstanden sind und Nachhaltigkeit kommuniziert werden kann. Damit nicht alles graue Theorie bleibt, ist außerdem eine DVD mit allen Spots (inklusive englischen, französischen und spanischen Untertiteln) beigelegt. Und einen Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit liefert das Buch auch noch: Während bei der BILD auf Seite 3 meist nackte Frauen zu finden sind, ist hier sally*s-Schreiber David Siems bei einem Dreh zu bewundern!

Original-Rezension erschienen in: unclesallys 04/2004

Fred Breinersdorfer (Herausgeber) – Sophie Scholl / Die letzten Tage

Vor fast genau 62 Jahren, am 22.2.1943, wurden die ersten drei Mitglieder der Anti-Hilter-Gruppe 'Die Weiße Rose' hingerichtet. In seinem auf der Berlinale und nun im Kino laufenden Film ’Sophie Scholl – Die Letzten Tage’ rekonstruiert Drehbuch-Autor Breinersdorfer zusammen mit Regisseur Rothemund die letzten Tage insbesondere aus der Sicht von Sophie. Geholfen haben ihm dabei die lange in Stasi-Kammern verschwundenen und bisher unveröffentlichten Verhörprotokolle, aber auch aktuelle Gespräche mit vielen Hinterbliebenen. Gerade diese Aspekte sind es, die den Film und auch das Buch zu einem wichtigen Beitrag über die Widerstandsbewegung im Dritten Reich machen. Denn Breinersdorfer weiß, dass ein Film eigenen Gesetzen folgt.

Daher war es „...reizvoll, in einem Buch zum Film nicht wie üblich die Handlung nachzuerzählen, sondern Hintergrundmaterial zum Verständnis des Widerstands der Weißen Rose und des Menschen Sophie Scholl anzubieten.“ Neben dem ungekürzten Drehbuch sind daher u.a. auch die Originaltexte der Protokolle, Kurzbiografien der Widerständler und ihrer Gegner sowie die Texte der von der Weißen Rose verteilten Flugblätter enthalten. Dass der dreifache Vater Christoph Probst im Gegensatz zu den Geschwistern Scholl nie ein Geständnis abgelegt hatte und lediglich aufgrund eines handschriftlichen Textentwurfs zu Tode verurteilt wurde, dürfte dabei der erschütternste Fakt sein. Besser kann Geschichte wohl nicht zugänglich gemacht besser!

Original-Rezension erschienen in: unclesallys 02/2005

Gunther Nickel (Herausgeber) – Daniel Kehlmanns „Die Vermessung Der Welt“

Cover zu Gunther Nickels BuchDer Roman 'Die Vermessung der Welt' ist einer der größten Erfolge in der Geschichte des Rowohlt-Verlags, der dieses Jahr ein sehr rundes Jubiläum feiert. In '100 Jahre Rowohlt – eine illustrierte Chronik' wird daher gerne darauf verwiesen, dass alleine von der deutschen Hardcover-Version über 1,1 Millionen Exemplare verkauft wurden. Dazu kommen noch unzählige Auslandsausgaben, Taschen- und Hörbücher.

So gesehen ist es eine sehr gute Idee, mit „Daniel Kehlmanns 'Die Vermessung Der Welt' – Materialien, Dokumente, Interpretationen“ diesen Bestseller noch weiter anzufeuern. Hier erfährt der Leser, warum zum Beispiel Carlos Montúfar darin nicht erwähnt wird – obwohl er sich 1802 dem echten Alexander von Humboldt auf dessen Reise lange Zeit angeschlossen hatte. Desweiteren gibt es Analysen des Textes in Bezug auf unter anderem den darin enthalten Humor, mehrere Interviews mit dem Autor und zwei Kurzbiografien zu Gauß und Humboldt. Vieles mag der eine oder andere schon kennen. Doch trotzdem ist dem Herausgeber Gunther Nickel mit seinem Buch was Tolles gelungen. Er zeigt, was alles in der 'Vermessung' noch drin steckt, das beim ersten Lesen vielleicht unentdeckt blieb. So weckt er die Lust, das Ganze gleich noch einmal zu verschlingen.

Original-Rezension erschienen in: unclesallys 03/2008

True Blood – das inoffizielle Fanbuch zur besten Vampir-Serie aller Zeiten

Cover zu True Blood Fan-BuchAm 17. Mai 2011 startete die zweite Staffel von 'True Blood' im deutschen Free-TV und zur wirklich praktischen Einstimmung, Pausenüberbrückung oder Einstiegshilfe und natürlich zum Nachschlagen bietet das im Untertitel als „das inoffizielle Fanbuch zur besten Vampir-Serie aller Zeiten“ bezeichnete Werk von Becca Wilcott unter anderem Hintergrundinfos, exklusive Interviews und einen Episodenüberblick für die beiden ersten Staffeln.

Darüberhinaus gibt es auch jeweils eine für die sich eher für Musik interessierenden Leser vor allem interessante Erklärung, nach welchem Song die einzelne Folge im Original benannt wurde, wie zum Beispiel 'The First Taste' von Fiona Apple, 'Timebomb' von Beck, 'Beyond Here Lies Nothin' von Bob Dylan, 'The Fourth Man In The Fire' von Johnny Cash und 'Escape From Dragon House' von Dengue Fever aus L.A., die kambodschanische und äthiopische Popmusik mit Psychedelic Rock mischen.

Original-Rezension (hier überarbeitet) erschienen im Motorblog: motor.de 05/2011

Adele – Die Biografie

cover-adele.pngMit 19 Jahren veröffentlichte Adele '19', mit 22 dann '21'. Und weil das gerade mal gut anderthalb Jahre her ist, gibt es eigentlich noch keine lange Lebensgeschichte zurückzuverfolgen, aber in dieser kurzen Zeit wurde sie vom absoluten Nobody zu einer Sängerin, die im Februar 2012 (ja, so aktuell war die nicht durch Adele autorisierte Biografie damals) „...alle sechs Grammys, für die sie nominiert war (Album of the Year, Record of the Year, Song of the Year, Pop Solo Performance, Pop Vocal Album, Best Short Form Music Video)“ gewann und die diverse Rekorde aufstellte. Dazu gehört unter anderem, dass „...sie zur Künstlerin mit den meistverkauften Downloads in der US-Geschichte wurde“, rechtfertigen doch schon, dass Autor Chas Newkey-Burden anhand von unzähligen Nachrichten und Infos ein umfangreiches Bild von ihr malt.

Dabei kommen zum Beispiel auch Katy B, James Allan von Glasvegas, Liam Howlett von The Prodigy und Luke Pritchard von The Kooks zu Wort. Zudem sind früher geäußerte Hinweise auf das nächste Album („Fünf Songs sind fertig.“) enthalten, das allerdings immer noch auf sich warten lässt. Adele wird übrigens lustigerweise in dieser inoffiziellen Biografie an einer Stelle so zitiert: „Die Leute schreiben einfach über mich. So was passiert eben!“

Original-Rezension (hier überarbeitet) erschienen im Motorblog: motor.de 06/2012

Mehr Informationen zum Welttag des Buches gibt es hier: http://welttag-des-buches.de/

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